Rostock 1988 und 2019 – auf den Spuren von Siegfried Wittenburg

Siegfried Wittenburg veröffentlichte vor fünf Jahren bei Spiegel mit „Meine Heimat, schonungslos“ eine beeindruckende Fotodokumentation, die Rostock in der Endphase der DDR zeigt. Mit den Fotos wird die zerfallende (Bau-)substanz der Rostocker Altstadt auf Schwarzweißfilm festgehalten, ohne dabei besondere Rücksicht auf die Befindlichkeiten des SED-Regimes zu nehmen.

Ich habe einen Rostock-Besuch zur Weihnachtszeit 2019 zum Anlass genommen, einige der von Wittenburg dokumentierten Orte aufzusuchen und ebenfalls zu fotografieren*. Dabei lag der Fokus nicht auf einer künstlerischen oder ästhetischen Darstellung – es ging mir eher darum, herauszufinden, ob sich die Aufnahmestandorte der früheren Fotos auffinden lassen und gegebenenfalls festzuhalten, wie sich die Umgebung in den vergangenen 31 Jahren verändert hat.

Da ich die Fotos des Artikels auf Spiegel Online aus rechtlichen Gründen nicht hierher übernehmen kann, ist eine direkte Vorher-/Nachher-Gegenüberstellung leider nicht möglich. Die Fotos sind daher lediglich verlinkt.

Diesem Bild ging eine kurze Suche voraus: der Aufnahmeort befindet sich heute in einem Innenhof. Die Häuser stehen in der Lagerstraße. Links im Bild das Haus mit der Nummer Lagerstraße 11-12, rechts Nummern 9 und 8. An der Stelle des blauen Hauses mit dem Durchgang ist im Originalbild von 1988 noch ein Haus mit nicht eingedecktem Dachstuhl zu sehen. (Bild 2 in der Spiegel-Fotostrecke; Karte des Aufnahmestandpunkts)
Dieses Bild hat sich am deutlichsten seit 1988 verändert: fast das gesamte Objekt im Motiv („Hornscher Hof“) wird jetzt durch den Neubau im Vordergrund blockiert. (Bild 3; Karte)
Noch mal Bild 3, diesmal von einem leicht versetzten Standort aus gesehen. (Karte)
In der Straße Burgwall, vor dem heutigen Restaurant „Kaminstube“. Der Blick folgt dem Verlauf der Straße und endet an der Marienkirche. (Bild 6; Karte)
Geht man vom Standort des letzten Fotos die Straße Burgwall wenige Meter bergan und dreht sich mit Blick in Richtung Stadthafen, bietet sich heute diese Ansicht. Am Haus auf der linken Straßenseite ist heute ein Balkon zu sehen. 1988 schauten nur die beiden Träger aus der Hauswand. (Bild 7; Karte)
Wo damals im Krönkenhagen der „Wartburg“ parkte befindet sich heute die „City Pension“. (Bild 8; Karte)
Wir befinden uns wieder in der Straße Burgwall und stehen jetzt vor der Nummer 7. Hier befindet sich heute das Restaurant „bSieben“. 1988 hatte noch Tischlermeister W. Oemig seine Werkstatt in diesem Haus eingerichtet. Die wunderschöne Haustür hat die Renovierung glücklicherweise überlebt. (Bild 10; Karte)
Der Bereich der Wollenweberstraße ist recht leicht wiederzuerkennen. Die Bäume an der rechten Straßenseite wurden zwar mittlerweile durch neue ersetzt, diese wurden aber an gleicher Stelle gepflanzt. Auf dem dortigen Gelände befindet sich der Spielplatz der Kita „Kinderhaus Fischbank“. Die Toreinfahrt im ersten Haus auf der linken Straßenseite ist heutzutage nicht mehr vorhanden. (Bild 12; Karte)
Am Ende der Gärtnerstraße gab es 1988 kein Durchkommen. Das Haus in der Mitte von Bild 15 fehlt heute, man gelangt der Gärtnerstraße folgend direkt zur Straße Beim Wendentor. (Bild 15; Karte)
Direkt von der Petrikirche schlängelt sich die Straße Amberg vom Hügel der Petrischanze hinunter. Das Fachwerkhaus auf der rechten Straßenseite ist heute genauso markant wie damals; ebenso die beiden Aufzüge am dahinter befindlichen ehemaligen Speicher. (Bild 17; Karte)
Der Blick folgt der Eselföterstraße und endet am großen Haus an der Langen Straße. Das Haus bietet einen Fußgänger-Durchgang zur Langen Straße, welcher auf dem Foto von 1988 noch nicht zu erkennen ist. Im Vordergrund auf der rechten Straßenseite ist ein Neubau zu erkennen – dieses Haus fehlt auf dem Bild von 1988. Interessant: Das Haus mit der Nummer 3 auf der linken Straßenseite ist 1988 wie auch Ende 2019 eingerüstet. Bild 20; Karte)
Das Rostocker Standesamt in der Pümperstraße ist leicht am markanten Giebel erkennbar. Die Häuser im Vordergrund existierten 1988 noch nicht. Links kann man einen alten Speicher am vorstehenden Kran erkennen, dieser ist auch auf dem Foto von 1988 zu sehen. (Bild 21; Karte)
Geht man die Einkaufspassage der Kröpeliner Straße nach Westen, gelangt man an das Kröpeliner Tor (halb verdeckt im Bild). Rechts vom Kröpeliner Tor befindet sich heute das KTC, dieses schließt das einzeln stehende Gebäude („Kornbrand“) auf dem Foto aus 1988 nun von beiden Seiten ein. (Bild 22; Karte)
Am weitesten vom ursprünglichen Aufnahmestandort entfernt ist dieses Bild von der Kröpeliner Straße entstanden. Das Original aus 1988 wurde von einem erhöhten Standpunkt aus fotografiert, was heute nicht ohne Weiteres möglich ist. Vom bepflanzten Kreis im rechten Bildteil ist heute nichts mehr zu sehen. Unter den Bildern aus 1988 ist dieses das einzige, was auf den ersten Blick nicht den Zerfall der Altstadt dokumentiert – wenngleich einige der Fassaden auf dem Bild damals tatsächlich nur Fassaden ohne dahinter benutzbare Gebäude gewesen sein sollen. (Bild 23; Karte)

* Das Fotografieren war gar nicht so einfach: Siegfried Wittenburg benutzte damals eine Mittelformat-Kamera (Format 6×6). Ich habe eine Spiegelreflex-Kamera mit APS-C-Sensor, welcher nur einen Bruchteil der Bildfläche bietet. Um einen ähnlichen Bildwinkel zu erreichen, musste ich sehr weitwinklig fotografieren. Dadurch verändert sich die perspektivische Wirkung recht deutlich. Nachfolgendes Bild hilft etwas dabei, eine Vorstellung vom Unterschied beider Bildformate zu bekommen:

Veröffentlicht von

Marcus Jaschen

Ich bin selbstständiger Webentwickler und Systemadministrator und bin unter anderem für MTB-News.de, Europas größte Mountainbike-Website tätig. Meine freie Zeit verbringe ich mit Radsport, in der (Holz-)Werkstatt und mit Fotografie.